BLICK NACH VORN

Theaterprojekt begleitet von Canip Gündogdu, Jan Nwattu ,Viola Schneider und Mando

11 junge Menschen machen sich auf den Weg. Mitten im Gesicht ist die kleinste Maske der Welt.
Mit gerade einmal einem kleinen Beutel machen sie sich auf und erleben eine Abenteuerreise, die sie so schnell nicht vergessen werden. Wohin sie wollen ist nicht wichtig, wo sie ankommen auch nicht. Auf hoher See kommt es wie es kommen muss, ein Sturm zieht auf. Panisch klammern sich die Clowns aneinander und hoffen auf die Gnade Poseidons. Wie durch ein Wunder überleben alle und rudern mit letzter Kraft auf ein ihr unbekanntes Land zu. Skurrile Begegnungen mit Menschen und neue Situationen lassen die Clowns staunen und lernen. Mit viel Ernst und Augenzwinkern spielen die Schauspielerinnen ihre Erlebnisse aus der Vergangenheit und thematisieren ihre Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft.

Manchmal braucht es keine Worte, um eine Situation oder ein Gefühl zu beschreiben. Und manchmal können Worte gar nicht beschreiben was in einer Situation gefühlt wurde. Trotzdem ein Versuch.

Meine Antwort auf die Frage, ob ich im Stadttheater Minden ein Theaterprojekt leiten möchte, lautete sehr schnell ja. Am anderen Ende des Telefons war nämlich meine Kollegin Viola Schneider, Theaterpädagogin am Stadttheater Minden, mit der ich bis zu diesem Zeitpunkt zwar wenig zu tun hatte, aber ihre Arbeit sehr zu schätzen wusste.

In einem Vorgespräch mit der Intendantin des Stadttheater Minden Andrea Krauledat und Viola Schneider wurden mir die Rahmenbedingungen und die Ziele des Projekts geschildert.
Geplant war die Arbeit mit geflüchteten Jugendlichen, die von der Elsa-Brandström-Jugendhilfe Minden betreut wurden. Unter dem Motto „Blick nach vorn“ sollte eine Theatergruppe aufgebaut werden, die im Rahmen des Konvents „Das neue Wir“ (11. Februar) eine Präsentation zeigen sollte.
Zu diesem Zeitpunkt war mir gar nicht bewusst, welche Ausmaße die gesamte Veranstaltung im Stadttheater annehmen sollte. Zu Anfang waren drei Schnuppertreffen geplant, an denen alle kommen durften, die Interesse am Theater hatten. Es sollte Lust aufs Theater spielen gemacht werden.

Vor dem ersten Treffen war ich sehr aufgeregt, zum Einen, weil es mein erstes großes Projekt im Stadttheater Minden und mit der Zielgruppe war und zum Anderen, weil ich wusste, dass noch viele andere Personen (Betreuer*innen) daran teilnehmen wollten, die mich und das Projekt kennenlernen wollten. Aus diesem Grund kamen beim ersten Aufeinandertreffen, in den Räumlichkeiten der Elsa-Brandström-Jugendhilfe gut 25 Personen zusammen.
Der ersten Aufregung folgte schnell die Erleichterung, da ich das Gefühl hatte, dass die Jugendlichen sich auf das Theaterspielen einließen und die Erwachsenen dem Projekt gegenüber sehr positiv gestimmt waren.

Damit ich eine Idee davon bekam in welche Richtung sich unser Stück entwickeln könnte, sammelten wir am dritten Schnuppertreffen persönliche Erfahrungen und Ideen zu folgenden Sätzen: „Was vermisse ich in Deutschland?“ „Ich finde in Deutschland toll…“ „Ich finde nicht so schön…“ Da die Antworten zum Teil sehr witzig waren wurde dabei viel gelacht, zum Teil aber herrschte betretenes Schweigen, wenn über die Familien und/oder über schlechte Erfahrungen gesprochen wurden. An diesem Tag haben wir viele schöne Impulse für unser gemeinsames Theaterstück gewinnen können.

In den Herbstferien wurde in einem Probenblock das Vertrauen untereinander gestärkt und mit verschiedenen Theatertechniken und Methoden geforscht und Spielideen verdichtet. Die Kerngruppe bestand zu diesem Zeitpunkt aus 11 Personen, fast ausschließlich geflüchtete Jugendliche, die ohne Familie nach Deutschland gekommen waren, einer weiblichen Teilnehmerin und dem Bufdi des Stadttheater Mindens Jan Nwattu.
Für den Probenblock lud ich einen Musiker ein, der mit der Gruppe rhythmische Übungen machen sollte, in der Hoffnung Material für unser Stück gewinnen zu können. Mehrere Teilnehmer*innen hatten aber große Probleme im Takt zu bleiben. Ich wurde belehrt, dass nicht jeder, der gerne tanzt, auch ein gutes Rhythmusgefühl haben muss. Ebenso schwierig gestalteten sich die szenischen Improvisationen, in denen gesprochen werden musste. Die Scham vor peinlichen Versprechern hemmte die Jungen deutsch zu sprechen. Die Gruppe wünschte sich ohne Sprache weiter zu arbeiten. Eine andere Idee musste her.

Die kleinste Maske der Welt kam zum Vorschein. Vorsichtig nahmen wir Kontakt mit den Nasen auf. Am Anfang waren sie etwas verhalten, trauten sich aber von Übung zu Übung immer mehr zu und irgendwann waren 11 neue Clowns geboren. So zart, so überzeugend, so schön. Als ob sie sich hinter der Nase verstecken konnten, zeigten sie Gefühle, die mich berührten, Blicke, die einen in das persönlich Erlebte mitnahmen und wir ein Teil dessen wurden. Ich hatte das Gefühl, dass wir das Richtige für die Gruppe gefunden hatten. Ab diesem Zeitpunkt entwickelten wir unbeirrt mit den Clownsnasen Szenen, die sich aus der Sammlung vom dritten Schnuppertreffen ergaben.

Viele Proben lachten wir, bis wir Bauchschmerzen hatten. Viele Proben hatten wir Kopfschmerzen, weil doch nicht alles so rund lief wie gewollt. Die Gruppe musste sich reiben, streiten, sich vertragen, sich auf ein gemeinsames Miteinander verständigen, mit einem gemeinsamen Ziel: Eine schöne Aufführung, die die Menschen berühren und auch zum Lachen bringen sollte.

Ende November starb die Mutter eines Gruppenmitglieds. Wir waren alle sehr betroffen. Der kollektive Schmerz und die kollektive Trauer brachte die Gruppe noch enger zusammen, als sie es zu dem Zeitpunkt war. Gerade als ich dachte, dass es jetzt nur noch Bergauf gehen kann und wir uns auf ein produktives Miteinander verständigt hatten, passierte etwas unerwartetes, vielleicht doch schon längst Überfälliges. Aus „wir machen nur Spaß“ wurde eine körperliche Auseinandersetzung zwischen zwei Teilnehmern. In diesem Moment war ich kurz davor das Projekt abzubrechen. Ich verstand nicht, wie junge Menschen, die wegen der Gewalttaten in ihren Herkunftsländern hierher geflohen waren, zueinander gewalttätig sein konnten. Die Stimmung war auf dem Tiefpunkt angelangt. Es folgten lange Gespräche, betrübt und mit schlechtem Gewissen beendeten wir die Probe. Zu meinem Bedauern stieg nach dem Vorfall ein Teilnehmer aus der Gruppe aus.

Ab Januar fing die intensive Probenphase an, in der wir auch auf der Bühne selbst proben konnten.
Das Aufeinandertreffen den Mitarbeiter*innen war von Anfang an auf Augenhöhe. Ich fühlte mich unheimlich wohl und verstanden. Ein grandioses Lichtkonzept und berührende Tonaufnahmen waren das Ergebnis der unglaublich guten Zusammenarbeit. Der Lohn für das so harmonische Miteinander ist das überzeugende Theaterstück, welche durch die einzelnen Professionen erst zu dem geworden ist was am Ende dem Publikum gezeigt wurde.

Wir lachten, weinten, stritten uns, schwiegen uns an, kochten gemeinsam, redeten bis die Köpfe rauchten, doch am Ende verstanden wir, dass wir all das gemeinsam durchleben mussten, damit jeder von uns seinen Platz in der Gruppe finden konnte.

Erleben, erfahren, bewegen und wachsen. Das ist das, was Theater bewirken kann.

Das Projekt wäre niemals so gut gelaufen, wenn nicht alle Beteiligten 100 % investiert hätten.
Hier möchte ich mich herzlichst bei allen Projektbeteiligten bedanken.
Stadttheater Minden: Andrea Krauledat, Viola Schneider, Jan Nwattu, Michael Kohlhagen, Eike Egbers, Horst Loheide, Julia Treger, Cedric Helm, Andrea Niermann, Cornelia Schmale, Annette Breier
Aus dem Kulturbüro Minden: Petra Brinkmann.

Elsa-Brandström-Jugendhilfe: Masih…, Melanie Finke, Matthias Meise.
Der größte Dank aber gilt den Teilnehmehr*innen auf der Bühne. Nicht zu vergessen auch Mando, der mit seiner Musik und seiner Persönlichkeit dem Stück etwas Besonderes verliehen hat.

Text: Canip Gündogdu