Um den Stier gleich bei den Hörnern zu packen, oder in diesem Fall: den Drachen bei den Klauen. Über Gerd Heinz’ Konzeption von Wagners Ring des Nibelungen in Minden kann man trefflich streiten. Denn der Regisseur legt auch im Siegfried sein Augenmerk vor allem auf eine sehr treffliche und genaue Bebilderung der Handlung. Und er fügt hübsche, auflockernde Momente ein wie die Waldvogelszene. Wer einmal ein vorwitziges Rotkehlchen auf Terrasse oder Balkon beobachtet hat, wird dessen Bewegungen bei Julia Bauer perfekt umgesetzt finden – entzücktes Schmunzeln im Publikum. Und Heinz weist auf den Fortgang der Handlung, auf die Götterdämmerung hin, indem er Alberich bei dessen Besuch im Drachenwald von seinem kleinen Sohn Hagen begleiten lässt.

All das mag Einigen zu wenig an eigenständiger Interpretation sein. Einigen mag gerade die sehr traditionell geprägte Handschrift von Gerd Heinz gefallen. Unbestritten ist aber, dass der Regisseur sich hervorragend eingestellt hat auf die beschränkten Möglichkeiten des kleinen, bühnentechnisch eher beschränkt ausgestatteten Mindener Stadttheaters und gerade Auf- und Abgänge variantenreich umsetzt. Ansonsten lässt Heinz der Musik freien Lauf.

Und da widerlegt das Ring-Projekt des Wagner-Verbands Minden voll und ganz alle Vorurteile gegen „große“ Wagneropern an kleinen Häusern. Wo hat man sonst schon einmal die Möglichkeit, so nahe dran zu sein an den Darstellern? Wo erübrigen sich Übertitel, weil mit perfekter Textverständlichkeit gesungen wird? Und das macht ja das Besondere, ja das Zauberhafte all der Wagner-Inszenierungen der letzten Jahre in Minden aus. Die Intimität des Miterlebens ist einfach bezwingend und kaum jemandem, der nicht dabei war, zu vermitteln.

Vor allem dann, wenn ein so hervorragendes Solistenensemble versammelt wird wie in der Weserstadt. Da wäre alle Krittelei eher beckmesserisch. Lediglich Julia Bauer als Waldvogel fehlt trotz anmutiger Bewegungen die letzte spielerische Leichtigkeit in der Höhe. James Moellenhoff dröhnt als Fafner aus seiner Höhle tief und fies – das perfekte Bild eines Urkapitalisten. Janina Baechle gibt der eigentlich nicht wirklich allwissenden Erda Tiefe und Substanz.

Und die Verlierer? Grummelnd grundiert vermag Oliver Zwarg dem Alberich Kontur zu verleihen. Er hat ja mit Hagen noch einen Pfeil im Köcher. Renatus Mészár als Wanderer hingegen weiß, dass er verloren hat. Seine Welt ist dem Untergang geweiht. Wie Mészár von anfänglich überlegener Arroganz bis zu tiefster Verzweiflung seine Rolle gestaltet, ist imponierend.

Dara Hobbs als Brünnhilde zögert einen Moment bevor sie bedingungslose Liebe verströmt. Thomas Mohr tobt als postpubertierender Jüngling über die Bühne, seine Meinung mal zu laut heraus trompetend, kraftmeiernd geradezu, mal lyrisch-verletztlich. Ein Siegfried nach Maß

Alle überragend aber an diesem Abend ist Dan Karlström als Mime. Für Angst, Verschlagenheit, Stimmungshochs und -tiefs findet Karlström unendlichen Farbenreichtum. Er generiert den Mime als multiple Persönlichkeit im besten Sinne.

Die Nordwestdeutsche Philharmonie lässt die – vorgeblich – ostwestfälische Provinz in Wagner-Klängen baden. Frank Beermann am Pult macht das Event zum Ereignis!

http://theaterpur.net/theater/musiktheater/2017/09/minden-siegfried.html