Es „Wagnerte“ in Ostwestfalen am vergangenen Freitag: Am Landestheater Detmold verabschiedete sich der langjährige Intendant Kay Metzger mit einem „Fliegenden Holländer“.  Im Stadttheater Minden wurde die komplette Aufführung des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“  fortgesetzt mit der Premiere des zweiten Tags „Siegfried“

Wie in den früheren Wagner-Aufführungen war das „Westfälische Wagner-Wunder“ – so die „Welt am Sonntag“ in ihrer Ausgabe vom 3. September – zu verdanken der äusserst tatkräftigen Vorsitzenden des Mindener Wagner-Verbands, Dr. Jutta Winckler, der Intendantin des Stadttheaters Minden, Andrea Krauledat, und vor allem dem Dirigenten Frank Beermann. Wie schon gewohnt war das Orchester auf der Bühne platziert sichtbar für den Zuschauer hinter einem durchsichtigen Gazevorhang und einer  Spielfläche für die Darstellung der Handlung . Dadurch konnten die Sänger besser schauspielerische Nuancen dem Publikum vermitteln und waren auch ohne Übertitelung weitgehend textverständlich. Wieder war die  Nordwestdeutschen Philharmonie in der sonst ungewohnten Rolle des Opernorchesters musikalisch  bestimmend für die Aufführung.

Da der „Ring“ auch szenisch als Einheit erscheinen sollte, blickte der Zuschauer wie in den vorangegangenen Teilen auf einen riesigen je nach Handlung in verschiedenen Farben leuchtenden Ring begrenzt durch einen viereckigen Rahmen (Bühnenbild wieder Frank Philipp Schlößmann) Im ersten Aufzug sah man darin Mimes Behausung mit Schmiedeutensilien wie Amboß und Ofen, der sogar mit einem riesigen Blasebalg belüftet werden konnte. Für den zweiten Aufzug gab es unbelaubte Baumstämme in sommerlichem Grün, die den Sängern den notwendigen Durchblick zum Dirigenten ermöglichten. Der Handlung folgend aber heute überhaupt nicht selbstverständlich entsprach das Bild des dritten Aufzugs dem der letzten Szene der „Walküre“

Videos über das Orchester projeziert interpretierten wiederum Teile der Handlung, so etwa zu Mimes Schmiedeversuchen eine Spinne, die sich im eigenen Netz gefangen hatte, oder Wotan, der als Schattenriß  mit seinem Speer Siegfried auch akustisch beim Schmieden des Schwertes half – flankiert von den Schatten zweier Kontrabässe (Videogestaltung Matthias Lippert)

In diesen Bildern ließ Regisseur Gerd Heinz die Handlung der Musik entsprechend und für den Zuschauer nachvollziehbar ablaufen, sorgte aber doch für eigene Akzente. Wotan etwa versucht durch Gesten Mime zur passenden Fragestellung betreffend Notung zu veranlassen – vergeblich! Auch wurde der Unterschied  zwischen Mißerfolg und Erfolg im Schmieden sichtbar. Mime versuchte, die zerbrochenen Teile zusammenzukleben, Siegfried wußte instinktiv, nur aus den Trümmern des alten (Schwerts) konnte das neue (Nothung) entstehen.. Zum Ende des ersten Aufzugs kleidete sich Mime bei  seinen Weltherrschaftsphantasien  als östlicher Herrscher, was an die Anleihen beim japanischen Theater aus dem „Rheingold“ erinnerte. Das galt auch für den Drachen, der nur als punktuell leuchtender Schattenriss erschien, wieder dargestellt von Schülern des Mindener Ratsgymnasiums. Als Siegfried ihn dann mit dem Speer traf, wurde es blitzartig hell (Licht Michael Kohlhagen) und Fafner (James Moellenhoff mit starkem Bass) stand als verwundeter Riese auf der Bühne.

Mit grosser Stimmkraft und schauspielerischem Talent gestaltete Thomas Mohr erfolgreich die sängerisch überaus anstrengende  riesige Titelpartie.  Den strahlenden Helden hörten wir stimmlich, kostümiert war er wohl absichtlich etwas unscheinbarer. (Kostüme im Stil des 19. Jahrhunderts auch Frank Philipp Schlößmann)  Der Bär (unter seinem Fell Simone Rau), mit dem Siegfried zu Beginn auf die Bühne stürmte, reizte ihn zum ersten kurzen hohen C. Weitgehend textverständlich schonte er die Stimme nicht bei den  auch rhythmisch exakt gesungenen  Schmiedeliedern. Im zweiten Aufzug konnte er beim „Waldweben“ die kräftige Stimme  einfühlsam  zum Legato dämpfen. Er hatte genügend Ausdauer, um im langen Schlußduett Brünnhilde stimmlich gleichwertiger  Partner zu sein, allein das erfordert schon Bewunderung.

Viele Rollen waren erfreulicherweise mit den Sängern der vorigen Teile des „Ring“ besetzt. So prägte Dan Karlström als Mime überaus textverständlich mit hell timbrierten nicht  schrillem und exakt geführtem Tenor ganz maßgeblich den ersten und Beginn des zweiten Aufzugs, Wie er im Kostüm des Handwerkers den verschlagenen, den ängstlichen, in allem aber  doch machtgierigen Charakter auch szenisch darstellte, verdient höchstes Lob.

Obwohl zunächst alles nach seinen früheren Wünschen läuft, glich der Wanderer  einem heruntergekommenen Clochard, allerdings mit dem Speer als Zeichen der Macht. Als Siegfried ihm diesen zerschlug, nutzte er die beiden Teile als Krücken für seinen endgültigen Abgang.  Renatus Mészár sang dazu passend mit  rauher, mächtiger und weitgehend textverständlicher Stimme, die  sich auch gegen den gewaltigen Orchesterklang in der Erda-Szene behaupten konnte.

Oliver Zwarg war ein stimmgewaltiger Alberich, gekleidet als Jägersmann mit Gamsbart am Hut und Gewehr in der Hand. Begleitet wurde er vom minderjährigen Sohn Hagen (Niels Karlson Hering), der von ihm Hass auf Wotan und seinen Enkel Siegfried lernen sollte. Das boshafte Duett zwischen Alberich und Mime wurde  zum schnell gesungenen fast schon erheiternden Bruderzwist. Julia Bauer – auch im Jagdkostüm – sang vom ersten Rang aus koloratursicher bis hin zu Spitzentönen und mit lustig –  eckigen vogelhaften Bewegungen den Waldvogel. Mit langen Legato-Bögen ohne falsches Vibrato und sonorer Tiefe war die auch als Konzertsängerin erfolgreiche Janina Baechle eine mythisch aus der Tiefe aufsteigenden Erda,  stimmlich dynamisch sich steigernd von ganz p-Beginn  bis zum grossen  Sprung bei „Meineid“

Von Stimme, Gestalt, Spiel  und Ausstrahlung wünscht man sich so die erwachende und erwachte Brünnhilde, wie Dara Hobbs sie darstellte – eigentlich nach ihrer Walküren-Brünnhilde zu erwarten. Die gegenüber letzterer höhere Stimmlage im „Siegfried“ meisterte sie ohne Schwierigkeit. Großartig gelang der mit Siegfried gemeinsame Triller kurz nach Anfang des Duetts Ganz p-legato  klang das „Ewig war ich“. Glaubhaft und gar nicht zickig spielte sie ihre Angst vor der bevorstehenden körperlichen Liebe, ganz anders eben als Siegfried, der blind seinen Gefühlen folgt. Ganz Mensch wollte sie aber doch nicht werden, zum Schluß zog sie den glitzernden Handschuh ihrer Walküren-Rüstung über. Das hinderte sie aber nicht, zusammen mit Siegfried im Schlußduett mit strahlenden Spitzentönen die Liebe leuchten zu lassen und den Tod zu verlachen.

Größtes Lob gebührte Frank Beermann und der Nordwestdeutschen Philharmonie für die anpassungsfähige Begleitung der Sänger – etwa wie zu den Schmiedeliedern der Orchesterklang abgemildert wurde. Höhepunkte waren die Vorspiele, die Pauken z.B. , mit denen vor Einsatz der Fagotte das Stück beginnt, hörte man hier, deutlich, häufig aus dem Orchestergraben aber gar nicht. Für viele gelungene Soli seien das englische Horn des Waldvogels und später das Solo-Horn bei Siegfried im Walde genannt. Die vielfältigen  thematischen und polyphonen musikalischen Beziehungen im genialen dritten Aufzug wurden hörbar, der stampfende Rhythmus zu Beginn klang exakt, die grosse Geigenkantilene zum Ende der Verwandlungsmusik bezauberte,  stimmungsvoll lyrisch waren die Streicher vor „Ewig war ich“, überwältigend das gesamte Orchester im jubelnden Schluß. Da der Dirigent während der ganzen Oper  stand, konnte er besonders exakte Zeichen geben, die Erschöpfung darüber konnte er nach der Vorstellung nicht ganz  verbergen..

Da war zu erwarten, daß das festlich gekleidete Premieren-Publikum im ausverkauften Theater reichlich Applaus und  verdiente Bravos, vor allem für die Darsteller der vier grossen Partien und ganz besonders für den Dirigenten  und das Orchester spendete. Wahrscheinlich waren viele darunter, die als fünzehn Großspender und  fast zweihundert kleinere Spender  auch zum Gelingen beigetragen haben. Da gibt es  allen Grund, sich vor allem musikalisch aber auch szenisch auf die „Götterdämmerung“ im September 2018 zu freuen.

Sigi Brockmann 10. September 2017

MINDEN/ Stadttheater: SIEGFRIED – weiter rundet sich der „Ring“. Premiere