„Wege ins Theater“– ASSITEJ Bundesrepublik Deutschland e.V.

Beim Theatertreffen der Jugend ein Stück aufzuführen, ist eine Ehre: Von über 100 Bewerbungen schafften es im Juni 2017 nur acht Aufführungen zu dem renommierten Treffen in die Hauptstadt. Mit dabei: die Eigenproduktion „Blick nach vorn“ des Ensembles „Wunderbar“ aus Minden. Für die zehn Jugendlichen ohne Theatererfahrung war es erst die vierte Vorstellung – für die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer war es eine Theatererfahrung der dritten Art. Aus dem Publikum, das mit donnerndem Applaus reagierte, hieß es später: „Ich hab geheult. Ich hab gelacht. Es ist unbegreiflich“ oder „Ich bin total verwirrt. Zwischen Bewunderung, Trauer und Freude.“ Jury-Mitglied Antigone Akqün schwärmte: „Das hat es hier noch nicht gegeben. Ich bin immer noch völlig fertig.“

Kommunikation ohne Worte

Ungefähr eine Stunde lang hatte die Gruppe die Zuschauerinnen und Zuschauer mit auf die Reise genommen – eine Reise der Bilder. „Blick nach vorn“ arbeitet bewusst mit Pantomime und Clownerie, die Sprache ist auf ein Minimum reduziert. „Das hat auch was damit zu tun, dass die meisten Jugendlichen am Anfang kaum Deutsch sprechen konnten“, erzählt der Pädagoge Matthias Meise, der in der Elsa Brandström Jugendhilfe des Deutschen Roten Kreuzes in Minden arbeitet. Dort kam ihm die Idee, ein Theaterprojekt zu initiieren, damit die einquartierten minderjährigen Flüchtlinge „ein Forum haben, um ihre teilweise lebensbedrohlichen Erlebnisse zu verarbeiten, wo sie sich entlasten und äußern können“.

Selbstvertrauen aufgebaut

Acht von ihnen standen nun in Berlin auf der Bühne: Emal, Belall, Helall, Ziarullah, Nabiullah, Pirooz, Mustafa und Ali. Außerdem gehören zum Ensemble „Wunderbar“ noch Jan und Monika, zwei Jugendliche aus Minden, die in Kontakt mit den Geflüchteten und der Jugendhilfe standen, als das Projekt seinen Lauf nahm. Theater, Bühnenfiguren, Choreografie – „das war ganz neu für mich“, erzählt Helall, der wie die anderen sieben Flüchtlinge aus Afghanistan nach Deutschland gekommen ist. Vor der ersten Aufführung im Stadttheater Minden sei er sehr nervös gewesen. „Wir sprechen nicht viel im Stück, nicht mehr als 30 Worte. Ich habe Angst gehabt: Was denken die Leute?“ Als das Mindener Publikum euphorisch applaudierte, war die Unsicherheit weg. Helall war nicht der einzige aus dem Ensemble, dem die Tränen kamen. Vor Erleichterung, vor Glück, vor Dankbarkeit. Wahrscheinlich lässt sich auch so ein Gefühlszustand besser durch Clownerie erklären als mit Worten. Vor dem Auftritt in Berlin kam das Lampenfieber zwar zurück, gibt Helall zu: „Wir dachten, wir sind die schlechteste Gruppe.“ Aber nach dem Erfolgserlebnis dort steht für den jungen Afghanen nun definitiv fest: „Ich will weiter Theater machen!“

Spielleiter mit Fingerspitzengefühl

Eine große Hilfe für den Erfolg des Stückes und das Selbstvertrauen der Geflüchteten war Spielleiter Canip Gündogdu. Der Theaterpädagoge, der auch als Klinikclown arbeitet, machte sich viele Gedanken darüber, wie man Fluchtgeschichten und das Leben nach der Flucht auf die Bühne bringt. Im Interview mit der Zeitung FZ, die zum Theatertreffern der Jugend erschien, sagte er: „Ich habe viel gesehen, was schieflaufen kann. Geflüchtete Menschen werden manchmal ausgestellt, das tut mir beim Zuschauen richtig weh.“ Man dürfe sie nicht auf die Opferrolle reduzieren und das Publikum auch nicht zur Betroffenheit nötigen. Als Clowns fanden die Flüchtlinge in „Blick nach vorn“ einen Weg, mit den Erwartungen zu brechen. Sie konnten kreativ sein. Und authentisch. „Als Clown bist du lustig und du bist traurig“, sagt Helall. So wurden auf der Bühne selbst aus beklemmenden Situationen im Asylverfahren künstlerische Akte – für die Geflüchteten eine Art Schutzschicht, für das Publikum eine Hilfe zu verstehen und mitzufühlen.

Nächste Aufführung in Bremen

Nach dem Theatertreffen ist die Realität teilweise wieder da. Die umjubelten Clowns können noch immer kurzfristig nach Afghanistan abgeschoben werden. Helall, der etwa zwei Jahre in Deutschland ist und hier rund acht Monate eine Schule besucht hat, sucht jetzt einen Ausbildungsplatz als Grafikdesigner. Zusammen mit dem Ensemble will er im Oktober noch einmal in Bremen auftreten, beim Bundestreffen „Jugendclubs an Theatern“. Dem Lampenfieber sieht Helall gelassen entgegen: „Jetzt bin ich ganz cool.“

Das Stadttheater Minden, das Deutsche Rote Kreuz – Elsa Brandström Jugendhilfe und der Verein zur Förderung der kulturellen Bildung in Minden e.V. haben sich zu einem lokalen Bündnis zusammengeschlossen und das Projekt gefördert.

Geräusche-Interview mit Mando, dem Musiker des Stückes

Fotos: „Blick nach vorn“ Stadttheater Minden, Theatertreffen der Jugend 2017 / Berliner Festspiele © Dave Grossmann