Theater | Magazin 20/21

111 Einführungsvorträge und eben auch die großen Konferenzen in New York und in Australien oder die Zusammenarbeit mit dem Edinburgh Fringe Festival, begleite ich meine Partner*innen so umfassend wie möglich. Und das macht den Arbeitsalltag so unterschiedlich, weil alle Bereiche, von Produktion, künstlerischem Inhalt, Ausführung, Durchführung bis hin zur Evaluation zu meinem Arbeitsalltag dazugehören – und die Fehler, die ich in der Planung mache, darf ich dann auch selbst ausbaden (lacht). VS : Klingt sehr herausfordernd und abwechslungsreich. Kommst du überhaupt selber zum Genießen, wenn du zum Beispiel ein Festival besuchst? NG : Auf den Sommerfestivals sehe ich bis zu sieben Vorstellungen am Tag, plus einer Vielzahl an Meetings, Symposien und Künstlergesprächen. Das schärft das Auge: Was ist gut, was nicht? Und warum finde ich etwas gut? Umgekehrt muss ich auch Rede und Antwort stehen, was mir hilft zu sagen: „Es ist gut, weil …“ VS : Wie bist du also auf die Produktion MEDEA ELECTRONICA aufmerksam geworden? NG : Das gehört zu dem Bereich „Scouting“ in meinem Tätigkeitsfeld, der Suche nach etwas Neuem. Die Produktion MEDEA ELECTRONICA hat mich im Rahmen des Edinburgh Fringe Festival 2018 fasziniert: Ich habe etwas gesehen, eine neue Form, die ich so noch nicht kannte. Etwas theatralisches, aber trotzdem körperlich, verbunden mit einem Konzert – das hat für mich eine Trias eröffnet, die ich so noch nicht gesehen hatte. Anders als in der griechischen Tragödie wird der Chor, also diejenigen, die uns berichten, nicht leibhaftig auf der Bühne stehen. Dort sehen wir ausschließlich die großartige Künstlerin Mella Faye und ihre Musiker. Medeas Familie und alle anderen Stimmen werden eingespielt und Medea reagiert auf diese „Retortenstimmen“. Es gelingt aber trotzdem, obwohl eigentlich nur eine Person neben den Musikern auf der Bühne agiert, den gesamten Chor, die gesamte Familie und die gesamten Personen, die auf Medeas Schicksal Einfluss nehmen, in den Abend zu integrieren. Und das fand ich das Faszinierende daran, weil Mella eine grandiose Sängerin, eine fantastische Komponistin (die Musik für den Abend hat sie selbst komponiert), aber auch Darstellerin ist, die den Bruch der Medea als Figur unglaublich gut verkörpert. VS : Eine Mutter, die ihre Kinder aus verschmähter Liebe und Rache tötet, was kann uns der Stoff heute erzählen? Warum fasziniert der Medea-Stoff im Theater immer noch sowohl die Zuschauer*innen als auch die Künstler*innen? NG : Für mich ist die Faszination der Akt, das Ende an sich, was für uns ein Tabu darstellt. Eine Mutter, die ihre Kinder tötet – das darf nicht sein. Und etwas zu tun, das man nicht tun darf, fasziniert uns Menschen immer wieder – auch wenn es nur als Gedanke – im wahrsten Sinne des Wortes – durchgespielt wird. MEDEA ELECTRONICA beschränkt sich nicht auf das Töten der Kinder, sondern erweitert den Begriff auf alles, was einem lieb ist. Verlust und Schmerz sind universelle Themen, die durch das „durchspielte“ Szenario die Tragweite für die Zuschauer*innen spürbar macht. Etwas Unerhörtes plötzlich auszusprechen, zu sehen und zu verwerten, emotional, logisch – und dann zu sagen: „Oh Gott!“ – das finde ich das faszinierende an dem Stoff der Medea an sich. Es darf nicht sein, was nicht sein darf – es ist aber trotzdem so. VS : Pecho Mama haben ihre ganz eigene Interpretation des Stoffs kreiert. Wie kann man diesen besonderen Abend in drei Worten beschreiben? NG : Aufwühlend, faszinierend, (dennoch) nachvollziehbar. Denn das ist es, was mich gefesselt hat: Ich bin aus der Vorstellung gekommen und habe sofort innerlich mit mir selbst gerungen und diskutiert: „Super, richtig gemacht Medea.“ Und direkt im nächsten Moment: „Nein, überhaupt nicht!“ Natürlich habe ich die Hoffnung, dass das Publikum auf eine ebensolche Achterbahnfahrt geht und in den Dialog einsteigt, denn genau das ist es, was Live-Theater ausmacht und was Theater machen kann: dieses Mitreißen und auf eine Reise geschickt werden, etwas zu erleben, um dann selbst zu sagen: „Oh weh, verstehe ich, kann ich nachvollziehen – aber dennoch!“ Ratio, Emotio, innere Kämpfe, das macht Theater aus. VS : Der kreative Kopf ist Mella Faye. Wie ist sie an den Medea-Stoff herangegangen? Wer ist ihre Medea? Inwiefern gibt es Abweichungen zur klassischen Vorlage? NG : Ein Journalist hat das in einem Bericht über die Vorstellung in drei Schritten zusammengefasst. Schritt 1: Back to the Basics. Ein Mann, eine Frau. Medea wird eine heutige Figur, die durchaus sympathisch ist. Zudemwird die Zeit verändert – Schritt 2: Mella legt ihreMedea in die 80er Jahre und auch dieMusik ist an diese Zeit angelehnt – wir wissen ja gar nicht, ob wir alte griechische Musik so gut finden würden (lacht). Mella ist es gelungen, mit ihrer Musik den Geist der 80er Jahre in diesen Electro-Beat/Synthesizer-Sound einzufangen, der uns unglaublich unter die Haut geht. Schritt 3: Medea als Person wird so stark gemacht und positiv besetzt, dass das, was ihr wiederfährt, ihr selber Sympathiepunkte einbringt. Aus dieser Logik heraus wird es viel verständlicher, was sie tut: Ihr Ehemann, der sie schlecht behandelt, verrät sie, indem er sie fortwährend betrügt. Die homosexuelle Ebene macht dabei ein weiteres Fass auf, zentral geht es aber um das Hintergehen und somit dieser Erweiterung und Abweichung von der Vorlage, das es eben nicht nur die Kinder sind, sondern alles, was einem lieb ist. VS : Handelt es sich eher um ein Konzert oder um einen Theaterabend? NG : Das ist das Besondere: Es ist ein Konzert und es ist Theater zugleich. Stellen wir also die Frage: Wohnt das Publikum dem Entstehen eines neuen Genres bei? Es ist definitiv kein Tanz, es ist definitiv unglaublich gutes Schauspiel, das auch körperlich an die Zerbrechlichkeit als auch Zerbrochenheit dieser Figur heranführt. Neben dem Schauspiel nutzt der Abend zudem die Kraft der Musik um unter die Haut zu gehen. VS : Worauf kann sich das Mindener Publikum besonders freuen? NG : Auf eine abgrundtiefe Reise in die dunklen Ecken unserer eigenen Psyche, die es aber dennoch schwer macht, die Figur der Medea als böse wahrzunehmen, sondern eher als – ok. Nachvollziehbar, aber nicht richtig. VS : Das Stück wird in englischer Sprache performed. Wie gut muss mein Englisch sein, damit ich diesen Abend genießen kann? NG : Relativ klare Antwort darauf: Mella spricht ein hervorragendes Englisch und durch die Musik als besonderes Transportmittel und ihre hervorragende Darstellung der Medea gelingt es ihr, über die Ebene der Sprache hinauszuwachsen. Und somit ist MEDEA ELECTRONICA für jeden ein Abend, den er oder sie genießen kann, der Lust auf gutes Theater hat.

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