Theater | Magazin 20/21

113 mache, bin ich raus. Trotzdem. Pause. Mist! Wir müssen schnell noch was für den Live-Stream proben. Und gepostet haben wir auch noch nichts – wer nicht postet, der arbeitet nicht. Probe auf der Bühne. Heute: K-Pop-Tutorial für all die Kids, die alleine und gelangweilt zu Hause sitzen. Unsere Dancing-Queen-Drill-Instruktorin verlangt uns alles ab – und das bei nachgewiesener Rechts-Links-Schwäche. Wir lernen: K-Pop ist Popo-Tanz. Kulturelle Bildung mal anders. Laune steigt, WLAN-Signal verschwindet. HILFE! Abnahme Soundcheck, Abpudern im Eiltempo, Abstände messen. Schnell nochmal posten: „Gleich geht’s los“ WLAN????? Wo bist du???? Hilfe. Die Technik hat das Internet-Problem gelöst. Oh Gott, sind wir schon bereit? „Noch fünf Sekunden“ – „Hallo und herzlich willkommen hier aus dem Stadttheater Minden!“ – das schönste Dance-Studio der Welt. 30 Minuten Vollgas geben – heute 45 Zuschauer*innen. Es geht nach oben. WLAN – stabil! Geschafft – jetzt noch schnell den Lightning-Talk für das Symposium drehen: 90 Sekunden Film, in dem „Schwarzwälder Kirschtorte“ und ein Kochlöffel eine entscheidende Rolle spielen sollen. One Take. Yes! Scheitern kann auch Spaß machen. Haben wir alles geschafft? Check, alles ready – morgen geht’s weiter. Auch mit dem Klo. Abends Träumen: 528 Plätze restlos ausverkauft. Das Summen vieler Stimmen bevor es losgeht. Schauspieler*innen spielen sich die Seele aus dem Leib. Bewegende Momente, berührende Bilder, tosender Applaus. Zuschauer*innen diskutieren bis spät in die Nacht im Theatercafé. Träumen davon, dass Theater bald wieder in echt und mit allem was dazu gehört, stattfinden kann. Viola Schneider und Lennart Ferling Theaterpädagogischer Alltagswahnsinn in Zeiten von Corona im Stadttheater Minden Ein ganz normaler Dienstag im April 2020 Morgens Aus dem Traum gerissen, Morgenroutine, Tasche packen, nix vergessen, Kaffee trinken und versuchen, diesmal nicht zu kleckern – obwohl das auch egal ist, sieht ja heute eh keiner. Kann ich auch in Jogginghose zur Arbeit gehen? Auf keinen Fall! Lagebesprechung: Was liegt heute an? Absagen – Management: Termine verschieben, Angebote umstricken und auf später vertrösten. Versuchen, gute Laune zu behalten. Hygienekonzepte erstellen: Wer geht zukünftig wann und wie aufs Klo. Wer hätte das gedacht, dass man das mal verschriftlichen muss! Live- Stream planen – Und das Wichtigste: Funktioniert das WLAN heute? Teamsitzung: Jede*r sitzt an einem Tisch – Abstand muss gehalten werden. Keine neuen Erlasse, aber jede Menge Ideen. Wie viel jetzt passieren muss, von wegen Kurzarbeit. Theater muss weitergehen, wenn auch erstmal nur in den Köpfen, hinter den Kulissen und nicht auf der Bühne: Rechnen, Anträge schreiben, nächste Spielzeit planen, an alle Eventualitäten denken – der Lappen muss hoch. Und trotzdem nicht wirklich wissen, wie es weitergeht. Und wirklich nicht wissen was schlimmer ist: Theater zu oder Theater auf 1,5 m-Abstand. Heulkrampf kommt und geht auch wieder. Weiter in den Mails und noch mehr Konzepte. Mittags Es ist dringend. Klo und Kopierer (in dieser Reihenfolge) – kann ich mich über den Flur trauen oder ist da wer? Maskenpflicht? Puh, niemanden getroffen. Alle schreiben Mails und Konzepte. Oder sind die im Homeoffice? Schon lang nicht mehr gesehen. Hilfe! Ich brauche eine*n Kolleg*in aus der Technik – das WLAN ist ebenfalls in einer Krise. Ich gleich noch mehr. Emails, Emails, Emails. Oh: ein Symposium zum Thema: Digitalität und Theater. Untertitel in Minden: Die Lust am Scheitern. Wir sind dabei. WLAN nicht in Sicht. Pause. Aber wenn ich jetzt ne Pause Auf den Fotos: Lennart Ferling /Viola Schneider / Niobe Eckert

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